Die Michelsdorfer Geschichtsaufbereitung findet auch in 2025 ihre Fortsetzung. Gibt es dafür
bessere Experten als unsere Rentner:innen? Tagungsort war wie immer der Rentnertreff im
Gemeindezentrum, organisiert vom Michelsdorfer Kultur- und Heimatverein und seinem Team „Wir
tun was für Rentner“.
Nach dem obligatorischen Kaffeetrinken führte Renate Herbst durch das bewegte Kneipenleben
bei Herbstes. Neben der Gaststätte von „Boches“, die sich nur wenige Meter entfernt auf der
anderen Straßenseite befand, erfüllte die Kneipe bis zur Wende die Rolle als Wohnstube,
Kulturstätte und Partykeller des Dorfes
Die „Events“ in der Michelsdorfer Kulturstätte reichten von Tanzabenden, jährlich stattfindenden
Veranstaltungen wie der Schiffer- und Feuerwehrball, Sportveranstaltungen, Karneval, Maibaum-
und Weihnachtsfest über Hochzeitsfeiern, Diskothekbetrieb und diversen handwerklichen und
musikalischen Wettbewerben. Das Feierabendbier fand an Tagen der Lohnauszahlung wohl oft
nur mit Beginn der Frühschicht ihr Ende. Irgendwie klar, dass dieses Kapitel bei den männlichen
Rentnern im Gemeindezentrum eine besonders intensive „Geschichtsaufbereitung“ erfuhr. Da war
z.B. der Traktorist XY (Name von der Redaktion geändert), der nach dem Feierabendbier auf
seinen Trecker stieg, gut nach Hause fand, aber nach Passieren des Scheunentors auf der
anderen Seite durch die Wand hindurch wieder heraus kam…
Das älteste Foto von der Gaststätte, die damals noch Albert Bertz betrieb, ist von 1910. Es
erzeugt dem Betrachter ein „Whao!!!-Effekt“ - das in Michelsdorf? Es zeigt den Tanzabend a la
Wiener Opernball im Kleinen: Ein Schloss ähnlicher an den Wänden bemalter Saal, Bühne mit
Kapelle, die Tänzer:innen im bodenlangem Abendkleid bzw. schwarzem Gehrock. Die Frage,
welche damalige Oberschicht sich hier versammelt hat, führte zur folgenden Erklärungen: Es war
bei den Damen üblich, dass vor jeder Tanzveranstaltung ein neues Kleid fällig war. Waltraud,
meine Tischnachbarin, erzählte bei einem Glas köstlicher Bowle, sie selbst sei bis vor dem
Mauerbau nach Steglitz gepilgert, um sich passend einzukleiden. Es wurde auch viel genäht, wie
die Modeschau im Rahmen der 825 Jahresfeier in Michelsdorf zeigte. Und vor dem Ersten
Weltkrieg soll die Geschäftsdichte im Dorf wesentlich höher gewesen sein als heute.
Sozio-kulturell spannend war auch eine Art „generationsübergreifendes Familiennetzwerk“
welches von den Besuchern der Tanzveranstaltung eingesetzt wurden: Meistens
Samstagnachmittag gingen die Kinder in Begleitung der Omas zum Kindertanz. Nach der
Veranstaltung belegten selbige Großmütter für ihre Töchter und Söhne einen Tisch für den
folgenden Abendtanz nach dem Motto „Wer zu erst kommt…“. Danach gingen die älteren Damen
nicht nach Hause. Als sogenannte „Kickeweiber“ bekannt, wechselten sie nur ihren Platz zur
gegenüberliegenden Bühnenwand. Dort standen Stühle Richtung der Tanzfläche. Brav in Reihe
sitzend, verfolgten sie mit Interesse und wahrscheinlich nostalgischen Erinnerungen dem
Tanzvergnügen. Eine Nachfrage, was denn die Opas in dieser Zeit trieben, blieb offen.
Wahrscheinlich sei, dass sie gegenüber bei Boches beim Skat saßen…
Und heute? Boches Kneipe ist abgerissen, an der ehemaligen Gaststätte von Herbstes nagt -
mittlerweile nicht mehr bewohnbar - der Zahn der Zeit. Wie gut und wichtig, dass es da bereits im
sechsten Jahr den Michelsdorfer Kultur- und Heimatverein e.V. gibt. Er bietet den neuen Raum für
kulturelle Angebote. Und mit der Erweiterung des Gemeindezentrums zum Kulturhof hat er eine
neue Fläche für Begegnungen geschaffen.
Was gab´s noch beim Rentnertreff? Würstchen und veganes Schmalzbrot (den Unterschied
bemerkte kaum einer). Mit hörbar besserer Qualität als bei der Winterwanderung und mit kräftiger
Unterstützung der Rentner:innen, traten die zwei musikalischen Klosterbrüder auf. Da haben wohl
der Eierlikör und die köstliche Bowle die Stimmbänder geölt…
Es war mal wieder ein kurzweiliger und anregender Rentertreff, teils mit neuen Gesichtern.
Herzlichen Dank an die Organisatorinnen, insbesondere an unsere Kneipenhistorikerin Renate
Herbst für diese äußerst spannende Geschichtsstunde und an die Rentner:innen für ihre
Diskussionsbeiträgen sowie gute Stimmung. Der Dank geht nicht zuletzt an den Kultur- und
Heimatverein Michelsdorf e.V., der uns das Michelsdorfer Kulturleben auch in der Jetzt-Zeit weiter
ermöglicht.
Verantwortlich:
Kultur- und Heimatverein Michelsdorf e.V.
Vorsitzende: Katja Leichsenring
Kontakt:
Alte Dorfstraße 21
14797 Kloster Lehnin
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